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Wenn drei Schulen gemeinsam (Kultur-)Schule machen

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Was passiert, wenn drei Schulen ihre Türen füreinander öffnen? In Britz haben Schüler:innen des Albert-Einstein-Gymnasiums, der Alfred-Nobel-Schule und der Fritz-Karsen-Schule während einer gemeinsamen Projektwoche miteinander gezeichnet, gespielt und ihren Schulalltag neu vermessen.  

Emil zeichnet einen Mann als Alien. Große Augen, Antennen auf dem Kopf, ein finsterer Blick. “Der kommt aus einer anderen Welt”, sagt der 15-Jährige und fährt mit dem Bleistift über die letzte Kontur. Die Geschichte über Queerfeindlichkeit, die er gerade als Comic erzählt, hat er nicht selbst erlebt. Sie stammt von einer anderen Schülerin.

Zu Beginn des Workshops haben alle Teilnehmenden persönliche Erfahrungen mit Ausgrenzung oder Diskriminierung anonym aufgeschrieben. Anschließend wurden die Zettel ausgelost. Nun erzählt jede die Geschichte eines anderen – als Comic. Die Erinnerung, die Emil gezogen hat, handelt von einem Bekannten, der sich im Haus der Mutter abfällig über queere Menschen geäußert hat. In seinem Comic wird aus diesem Mann ein Alien, das schließlich in seine Schranken gewiesen wird.

„Ich habe selbst keine Bekannten, die so drauf sind“, sagt Emil. „Aber ich wäre richtig sauer, wenn mir das passieren würde.“ Vor allem habe ihn überrascht, dass Mitschüler:innen solche Erfahrungen überhaupt machen. „Ich habe vorher gar nicht darüber nachgedacht.“

Der Comicworkshop am Albert-Einstein-Gymnasium ist einer von drei künstlerischen Workshops, die parallel während der Projektwoche im Neuköllner Ortsteil Britz stattfinden. Zum ersten Mal arbeiten dabei Schüler:innen der Fritz-Karsen-Schule, der Alfred-Nobel-Schule und des Albert-Einstein-Gymnasiums gemeinsam. Jede Schule richtet einen Workshop aus, besucht wird er jeweils von Jugendlichen aller drei Schulen.

Was auf den ersten Blick vielleicht nur wie eine etwas außergewöhnliche Projektwoche aussieht, ist Teil einer größeren Idee: Mit den neuen Regionalnetzwerken des Programms Kulturagenten für kreative Schulen Berlin sollen Schulen nicht mehr nebeneinander arbeiten, sondern miteinander. Sie entwickeln gemeinsame Projekte, teilen Erfahrungen und öffnen ihre Türen füreinander.

“Im Kulturagentenprogramm bekommen wir immer wieder die Rückmeldung, wie sehr der Austausch zwischen Schulen von den schulischen Akteur:innen wertgeschätzt wird” sagt Kulturagentin Julia Kuzminska. “Man kann viel voneinander lernen”. Seit 2021 begleitet sie Schulen im Bezirk. Ihrer Erfahrung nach schaffen Kooperationen Begegnung und Anlässe für vertieften Austausch, Perspektivwechsel und Reflexion der eigenen Praxis und Institution.

“Man merkt auf einmal, dass andere etwas anderes machen – das beflügelt, Veränderungen in der eigenen Schule anzustoßen und Neues auszuprobieren”, so Kuzminska. Normalerweise reden die Schulen nur miteinander, wenn es Probleme gebe. “Nicht, um gemeinsam Dinge zu machen, die alle weiterbringen”, erklärt die Kulturagentin. Das Netzwerk Neukölln bringt unterschiedliche Schulformen zusammen – und damit auch Jugendliche, die sich im Alltag kaum begegnen würden. Dabei liegen die Schulen nur wenige Gehminuten voneinander entfernt.

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Drei Schulen, ein gemeinsames Netzwerk

Im Comicraum liegen Mangas und Graphic Novels auf den Tischen. Workshopleiter:in Özgür Erkök Moroder lässt den Jugendlichen viel Zeit. Im Comicworkshop geht es nicht darum, perfekt zu zeichnen. „Es geht um Empathie und Respekt“, sagt der/die Künstler:in. Die Jugendlichen dürfen Pausen machen, herumprobieren, Ideen wieder verwerfen. Entscheidend sei, dass sie ihren eigenen künstlerischen Weg finden. „Es könnte auch scheiße aussehen“, sagt Özgür und lacht. „Das Risiko sollte einen aber nicht davon abhalten, etwas zu schaffen.“ Kreativität entstehe nicht unter Druck. „Die Kinder sind bei mir keine Race Horses.“

Zwischendurch geraten die Gespräche immer wieder auf den Schulalltag. Emil und Mitschüler kommen mit drei Mädchen eine Stuhlreihe weiter ins Gespräch. “Die anderen sind ganz nett”, sagt eine. Dann geht es plötzlich um Whiteboards, kaputte Tafeln und alte Computer. Emil lacht: “Wir quatschen die ganze Zeit.” Während die Jugendlichen sich gegenseitig Feedback zu ihren Zeichnungen geben, lernen sie ganz nebenbei den Schulalltag der anderen kennen.

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Schule mit anderen Augen sehen

Auch auf dem Gelände der Fritz-Karsen-Schule geht es um Perspektiven. Im Workshop “Zwischenräume” verlassen die Jugendlichen das Klassenzimmer und untersuchen ihre Umgebung. Mit Wollfäden verfremden sie Orte auf dem Schulhof, erstellen alternative Karten von Britz und untersuchen, wie sich Räume verändern, wenn man sie aus der Sicht der Schüler:innen betrachtet.

“Mein Gedanke war, institutionelle Räume und ihre Grenzen infrage zu stellen”, sagt Workshopleiterin Valentina Utz.

Drei Jungen zeigen ihre in Gips abgeformten Hände. Sie haben die weißen Gipshände überall dort auf dem Schulgelände platziert, wo Diskriminierung passiert. “Es gibt ein Tor nur für die Lehrer“, sagt einer der Jungen. „Das finden wir doof.” Ein anderer ergänzt: “Die stehen über uns, obwohl sie auch nur Menschen sind.” Ihr Wunsch: ein Ort nur für Schüler:innen. Ohne Lehrkräfte. Und vielleicht, sagt einer von den Jungen noch grinsend, „ein Schwimmbad“.

Dass Kulturelle Bildung genau solche Gespräche ermöglichen kann, erlebt Elisabeth Schönefeld-Holland seit Jahren. Die Englischlehrerin ist Kulturbeauftragte am Albert-Einstein-Gymnasium und begleitet das Kulturagentenprogramm seit 2020. „Wir wollten kulturelle Bildungsangebote öffnen, die im Schulalltag wegen des Prüfungsdrucks oft keinen Platz haben“, sagt sie. Das musische Profil der Schule habe sich dadurch um gesellschaftspolitische Themen erweitert. Die Idee, sich mit anderen Schulen stärker zu vernetzen, habe schon lange bestanden.

„Wir wussten voneinander, aber wir haben nichts zusammen gemacht.“ Dass aus dem Austausch der Schüler:innen untereinander auch berechtigte Kritik an Unterschieden entstehen kann, ist ihr bewusst. „Ich finde interessant, dass sie sich begegnen.“ In den anderen Schulen gibt es zum Beispiel Sprachlerngruppen. Daraus entstehen Begegnungsmomente mit Schüler:innen, die noch Deutsch lernen. Gerade der Austausch zwischen Jugendlichen, die sich im normalen Schulalltag kaum begegnen würden, sei dabei besonders wertvoll.

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Geschichten, die gehört werden müssen

Im Theaterworkshop an der Alfred-Nobel-Schule entsteht ein Raum für Mädchen, für den es sonst im Unterricht keine Zeit gibt. „Ich erinnere mich daran, wie meine Schwester einmal durch den Park gegangen ist, mit ihrem Ehemann und Kind, bis ihr Exmann auftaucht“. Eine Gruppe junger Frauen steht im Zimmer und sie spielen diese Szene, in der die Frau und ihr Mann am Ende tot am Boden liegen.

In der nächsten Szene kommt ein betrunkener Vater nach Hause und schlägt seine Frau. Eine Tochter sucht Hilfe für ihre Mutter, doch die Nachbarin reagiert gleichgültig. Eine andere Szene erzählt von starren Rollenbildern. “Hör auf zu bouldern, Ballett wäre doch etwas für dich”, sagt eine Figur. Es geht um Sexismus, häusliche Gewalt und Femizide, Themen, die die Schülerinnen beschäftigen, über die sie aber nur selten sprechen.

Gemeinsam mit Performancekünstlerin und Lehrerin Chryssa Tsampazi entwickeln sie einen Prolog, drei Szenen und einen Epilog. Dazwischen begleitet eine Figur die Handlung: Kassandra aus der griechischen Mythologie. Die Seherin weiß, was geschehen wird, doch niemand glaubt ihr. Im Stück wird sie zur Erzählerin. Sie führt durch die Szenen, verbindet die Geschichten und spricht aus, was die anderen Figuren oft nicht sagen können. „Kassandra weiß alles und kann für uns sprechen“, erklärt Tsampazi. Am Ende, so ihre Idee, sollen die Mädchen selbst das Wort übernehmen und aus ihren Rollen ausbrechen.

„Es ist schmerzhaft, dass das alles passiert“, sagt eine Teilnehmerin. Diese Szenen zu spielen, empfinden sie als Erleichterung. Und das sieht man auch auf der Bühne. Am Ende jeder Szene stehen die Mädchen im Kreis und umarmen sich. Gerade deshalb wollten die Schülerinnen diese Themen aufgreifen. Zwar tauchten sie immer wieder in den Nachrichten auf, doch oft gewöhne man sich daran. „Man verschließt die Augen davor.“

Dass der Workshop ausschließlich aus Mädchen besteht, empfinden viele als Erleichterung. „Es ist schön, mal eine Gruppe ohne Jungs zu haben“, sagt eine Schülerin. Eine andere erzählt, dass sie sich im Unterricht kaum traue, sich zu melden. „Sagt man etwas Falsches, ist man dumm. Sagt man etwas Schlaues, ist man eine Streberin. Zieht man sich hübsch an, ist man eine Schlampe. Zieht man sich normal an, ist man Hässlich.”

Am Ende der Woche werden die drei Gruppen sich gegenseitig ihre Gedanken, Prozesse und Ergebnisse präsentieren und damit den Grundstein dafür legen, in welche Richtung sich das Netzwerk für kulturelle Schulentwicklung in Neukölln im nächsten Schuljahr weiterentwickelt. Dass dies partizipativ eng an den Interessen der Schülerinnen entlang passieren soll, darin sind sich alle Netzwerkteilnehmerinnen der drei Schulen einig.

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Fotos © Claudia Paulussen

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Wenn drei Schulen gemeinsam (Kultur-)Schule machen

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Was passiert, wenn drei Schulen ihre Türen füreinander öffnen? In Britz haben Schüler:innen des Albert-Einstein-Gymnasiums, der Alfred-Nobel-Schule und der Fritz-Karsen-Schule während einer gemeinsamen Projektwoche miteinander gezeichnet, gespielt und ihren Schulalltag neu vermessen.  

Emil zeichnet einen Mann als Alien. Große Augen, Antennen auf dem Kopf, ein finsterer Blick. “Der kommt aus einer anderen Welt”, sagt der 15-Jährige und fährt mit dem Bleistift über die letzte Kontur. Die Geschichte über Queerfeindlichkeit, die er gerade als Comic erzählt, hat er nicht selbst erlebt. Sie stammt von einer anderen Schülerin.

Zu Beginn des Workshops haben alle Teilnehmenden persönliche Erfahrungen mit Ausgrenzung oder Diskriminierung anonym aufgeschrieben. Anschließend wurden die Zettel ausgelost. Nun erzählt jede die Geschichte eines anderen – als Comic. Die Erinnerung, die Emil gezogen hat, handelt von einem Bekannten, der sich im Haus der Mutter abfällig über queere Menschen geäußert hat. In seinem Comic wird aus diesem Mann ein Alien, das schließlich in seine Schranken gewiesen wird.

„Ich habe selbst keine Bekannten, die so drauf sind“, sagt Emil. „Aber ich wäre richtig sauer, wenn mir das passieren würde.“ Vor allem habe ihn überrascht, dass Mitschüler:innen solche Erfahrungen überhaupt machen. „Ich habe vorher gar nicht darüber nachgedacht.“

Der Comicworkshop am Albert-Einstein-Gymnasium ist einer von drei künstlerischen Workshops, die parallel während der Projektwoche im Neuköllner Ortsteil Britz stattfinden. Zum ersten Mal arbeiten dabei Schüler:innen der Fritz-Karsen-Schule, der Alfred-Nobel-Schule und des Albert-Einstein-Gymnasiums gemeinsam. Jede Schule richtet einen Workshop aus, besucht wird er jeweils von Jugendlichen aller drei Schulen.

Was auf den ersten Blick vielleicht nur wie eine etwas außergewöhnliche Projektwoche aussieht, ist Teil einer größeren Idee: Mit den neuen Regionalnetzwerken des Programms Kulturagenten für kreative Schulen Berlin sollen Schulen nicht mehr nebeneinander arbeiten, sondern miteinander. Sie entwickeln gemeinsame Projekte, teilen Erfahrungen und öffnen ihre Türen füreinander.

“Im Kulturagentenprogramm bekommen wir immer wieder die Rückmeldung, wie sehr der Austausch zwischen Schulen von den schulischen Akteur:innen wertgeschätzt wird” sagt Kulturagentin Julia Kuzminska. “Man kann viel voneinander lernen”. Seit 2021 begleitet sie Schulen im Bezirk. Ihrer Erfahrung nach schaffen Kooperationen Begegnung und Anlässe für vertieften Austausch, Perspektivwechsel und Reflexion der eigenen Praxis und Institution.

“Man merkt auf einmal, dass andere etwas anderes machen – das beflügelt, Veränderungen in der eigenen Schule anzustoßen und Neues auszuprobieren”, so Kuzminska. Normalerweise reden die Schulen nur miteinander, wenn es Probleme gebe. “Nicht, um gemeinsam Dinge zu machen, die alle weiterbringen”, erklärt die Kulturagentin. Das Netzwerk Neukölln bringt unterschiedliche Schulformen zusammen – und damit auch Jugendliche, die sich im Alltag kaum begegnen würden. Dabei liegen die Schulen nur wenige Gehminuten voneinander entfernt.

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Drei Schulen, ein gemeinsames Netzwerk

Im Comicraum liegen Mangas und Graphic Novels auf den Tischen. Workshopleiter:in Özgür Erkök Moroder lässt den Jugendlichen viel Zeit. Im Comicworkshop geht es nicht darum, perfekt zu zeichnen. „Es geht um Empathie und Respekt“, sagt der/die Künstler:in. Die Jugendlichen dürfen Pausen machen, herumprobieren, Ideen wieder verwerfen. Entscheidend sei, dass sie ihren eigenen künstlerischen Weg finden. „Es könnte auch scheiße aussehen“, sagt Özgür und lacht. „Das Risiko sollte einen aber nicht davon abhalten, etwas zu schaffen.“ Kreativität entstehe nicht unter Druck. „Die Kinder sind bei mir keine Race Horses.“

Zwischendurch geraten die Gespräche immer wieder auf den Schulalltag. Emil und Mitschüler kommen mit drei Mädchen eine Stuhlreihe weiter ins Gespräch. “Die anderen sind ganz nett”, sagt eine. Dann geht es plötzlich um Whiteboards, kaputte Tafeln und alte Computer. Emil lacht: “Wir quatschen die ganze Zeit.” Während die Jugendlichen sich gegenseitig Feedback zu ihren Zeichnungen geben, lernen sie ganz nebenbei den Schulalltag der anderen kennen.

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Schule mit anderen Augen sehen

Auch auf dem Gelände der Fritz-Karsen-Schule geht es um Perspektiven. Im Workshop “Zwischenräume” verlassen die Jugendlichen das Klassenzimmer und untersuchen ihre Umgebung. Mit Wollfäden verfremden sie Orte auf dem Schulhof, erstellen alternative Karten von Britz und untersuchen, wie sich Räume verändern, wenn man sie aus der Sicht der Schüler:innen betrachtet.

“Mein Gedanke war, institutionelle Räume und ihre Grenzen infrage zu stellen”, sagt Workshopleiterin Valentina Utz.

Drei Jungen zeigen ihre in Gips abgeformten Hände. Sie haben die weißen Gipshände überall dort auf dem Schulgelände platziert, wo Diskriminierung passiert. “Es gibt ein Tor nur für die Lehrer“, sagt einer der Jungen. „Das finden wir doof.” Ein anderer ergänzt: “Die stehen über uns, obwohl sie auch nur Menschen sind.” Ihr Wunsch: ein Ort nur für Schüler:innen. Ohne Lehrkräfte. Und vielleicht, sagt einer von den Jungen noch grinsend, „ein Schwimmbad“.

Dass Kulturelle Bildung genau solche Gespräche ermöglichen kann, erlebt Elisabeth Schönefeld-Holland seit Jahren. Die Englischlehrerin ist Kulturbeauftragte am Albert-Einstein-Gymnasium und begleitet das Kulturagentenprogramm seit 2020. „Wir wollten kulturelle Bildungsangebote öffnen, die im Schulalltag wegen des Prüfungsdrucks oft keinen Platz haben“, sagt sie. Das musische Profil der Schule habe sich dadurch um gesellschaftspolitische Themen erweitert. Die Idee, sich mit anderen Schulen stärker zu vernetzen, habe schon lange bestanden.

„Wir wussten voneinander, aber wir haben nichts zusammen gemacht.“ Dass aus dem Austausch der Schüler:innen untereinander auch berechtigte Kritik an Unterschieden entstehen kann, ist ihr bewusst. „Ich finde interessant, dass sie sich begegnen.“ In den anderen Schulen gibt es zum Beispiel Sprachlerngruppen. Daraus entstehen Begegnungsmomente mit Schüler:innen, die noch Deutsch lernen. Gerade der Austausch zwischen Jugendlichen, die sich im normalen Schulalltag kaum begegnen würden, sei dabei besonders wertvoll.

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Geschichten, die gehört werden müssen

Im Theaterworkshop an der Alfred-Nobel-Schule entsteht ein Raum für Mädchen, für den es sonst im Unterricht keine Zeit gibt. „Ich erinnere mich daran, wie meine Schwester einmal durch den Park gegangen ist, mit ihrem Ehemann und Kind, bis ihr Exmann auftaucht“. Eine Gruppe junger Frauen steht im Zimmer und sie spielen diese Szene, in der die Frau und ihr Mann am Ende tot am Boden liegen.

In der nächsten Szene kommt ein betrunkener Vater nach Hause und schlägt seine Frau. Eine Tochter sucht Hilfe für ihre Mutter, doch die Nachbarin reagiert gleichgültig. Eine andere Szene erzählt von starren Rollenbildern. “Hör auf zu bouldern, Ballett wäre doch etwas für dich”, sagt eine Figur. Es geht um Sexismus, häusliche Gewalt und Femizide, Themen, die die Schülerinnen beschäftigen, über die sie aber nur selten sprechen.

Gemeinsam mit Performancekünstlerin und Lehrerin Chryssa Tsampazi entwickeln sie einen Prolog, drei Szenen und einen Epilog. Dazwischen begleitet eine Figur die Handlung: Kassandra aus der griechischen Mythologie. Die Seherin weiß, was geschehen wird, doch niemand glaubt ihr. Im Stück wird sie zur Erzählerin. Sie führt durch die Szenen, verbindet die Geschichten und spricht aus, was die anderen Figuren oft nicht sagen können. „Kassandra weiß alles und kann für uns sprechen“, erklärt Tsampazi. Am Ende, so ihre Idee, sollen die Mädchen selbst das Wort übernehmen und aus ihren Rollen ausbrechen.

„Es ist schmerzhaft, dass das alles passiert“, sagt eine Teilnehmerin. Diese Szenen zu spielen, empfinden sie als Erleichterung. Und das sieht man auch auf der Bühne. Am Ende jeder Szene stehen die Mädchen im Kreis und umarmen sich. Gerade deshalb wollten die Schülerinnen diese Themen aufgreifen. Zwar tauchten sie immer wieder in den Nachrichten auf, doch oft gewöhne man sich daran. „Man verschließt die Augen davor.“

Dass der Workshop ausschließlich aus Mädchen besteht, empfinden viele als Erleichterung. „Es ist schön, mal eine Gruppe ohne Jungs zu haben“, sagt eine Schülerin. Eine andere erzählt, dass sie sich im Unterricht kaum traue, sich zu melden. „Sagt man etwas Falsches, ist man dumm. Sagt man etwas Schlaues, ist man eine Streberin. Zieht man sich hübsch an, ist man eine Schlampe. Zieht man sich normal an, ist man Hässlich.”

Am Ende der Woche werden die drei Gruppen sich gegenseitig ihre Gedanken, Prozesse und Ergebnisse präsentieren und damit den Grundstein dafür legen, in welche Richtung sich das Netzwerk für kulturelle Schulentwicklung in Neukölln im nächsten Schuljahr weiterentwickelt. Dass dies partizipativ eng an den Interessen der Schülerinnen entlang passieren soll, darin sind sich alle Netzwerkteilnehmerinnen der drei Schulen einig.

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Fotos © Claudia Paulussen