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Einblicke in die Praxis

STREIT_KULTUR

Warum und wie wir streiten sollten – eine Kooperation mit dem FELD-Theater

Wie verändert die „Sharing Economy“ das Leben? Was teilen wir, wenn wir lieben? Warum kaufen wir unentwegt ein, obwohl wir längst alles haben? Was bedeutet Solidarität angesichts einer weltweiten Verknappung von Ressourcen? In welchem globalen Verhältnis steht der Imperativ des Teilens zu den (Überlebens-)Interessen einiger Weniger? In einer Situation des politischen Auseinanderdriftens fragt die aktuelle Ausgabe des Projekts „Streit_Kultur“ nach der gesellschaftlichen Bedeutung des Teilens.

„Streit_Kultur“ ist 2019 als Kooperation zwischen dem Programm Kulturagenten für kreative Schulen Berlin und dem FELD – Theater für junges Publikum entstanden. Ausgangspunkt war die Analyse von Schüler*innen eines 10. Jahrgangs: „Bei uns wird nicht gestritten, bei uns wird gemobbt“, so die Aktivist*innen einer AG für Vielfalt.

Die Beobachtung aus dem schulischen Alltag deckt sich mit gesamtgesellschaftlichen Analysen. Wir streiten zu wenig, und das ist kein Zeichen für ein friedvolles Miteinander. Im Gegenteil. Eine gut entwickelte Streitkultur ist die Basis von Demokratie. Der Ausgleich zwischen unterschiedlichen Meinungen und Interessen braucht im Parlament wie auch in unserem Alltag den zivilen Streit. Wo nicht mit-, sondern nur übereinander geredet wird, entsteht ein Klima des Misstrauens und der Angst.

Von Ausgrenzung, dem Anders-sein, schulischer Alltagskultur und Wut

Im ersten Jahr (2019/20) hat sich das Projekt „Streit_Kultur“ mit sechs Schulen aus dem Programm Kulturagenten für kreative Schulen Berlin, zehn Künstler*innen und begleitet von vier Kulturagent*innen auf eben diese Spur gesetzt. Die Angst vor dem „Anders-Sein“, die Angst, soziale Normen nicht erfüllen zu können und aus der Gruppe ausgegrenzt zu werden, entwickelten sich im offenen Dialog mit den Schüler*innen zum zentralen Thema fast aller Teilprojekte und wurden zum Gegenstand der künstlerischen Aushandlungen.

Die jüngsten Teilnehmer*innen besuchten gerade die zweite Klasse, die ältesten standen kurz vor dem Abitur. An einem gemeinsamen Abschlusstag im FELD-Theater kamen über 150 Kinder und Jugendliche zu einem Austausch mit Präsentationen und interaktiven Performances zusammen. Die Einen erzählten in einem Speakers-Room sehr persönliche Geschichten aus ihrem Leben, in einem queeren Ballroom waren alle eingeladen sich für ein paar Minuten im angeblichen „Anderssein“ zu versuchen, vor den Toiletten wurde schulische Alltagskultur untersucht und die Jüngsten fragten in einem Tanzstück nach der Wut. Danach, wo sie herkommt und was sie mit einem selbst und mit den anderen macht.

Streit_Kultur2: Teilen

In „Streit_Kultur2: Teilen“ wird im Schuljahr 2020/2021 auf diesen Erfahrungen aufgebaut. Rund 250 Kinder und Jugendliche aus 12 Schulen aus sieben Bezirken beteiligen sich inzwischen, betreut und unterstützt von sieben Kulturagent*innen, die die einzelnen Teilprojekte initiieren, sie mit den schulischen Partner*innen und den Künstler*innen konzipieren und in Kooperation mit dem FELD-Theater und allen Beteiligten ein sich über drei Wochen ziehendes FELD_Lager planen. In dem wird in einer großen künstlerischen FELD_Forschung untersucht, welche Bedeutung das Teilen für unser Leben hat, welche Rolle es in der Gesellschaft spielt und spielen sollte – und welches Konfliktpotential sich darin verbirgt.

Die Projekte „Streit_Kultur“ und „Streit_Kultur2: Teilen“ sind gefördert vom Berliner Projektfonds für kulturelle Bildung.

Einblicke in die Praxis

Urbane Botanik
Reisen im Karton

Pflanzen sind verwurzelt. Sie nutzen ihre Samen, um zu reisen: Sie werden durch die Luft geschleudert, nutzen natürliche Fallschirme und Rotorblätter, um sich von A nach B zu bewegen und nutzen Kletten oder Früchte als Boten, um ihren Standort zu wechseln.

Menschen können zwar nicht fliegen, jedenfalls nicht mit ihren Körpern, aber sie haben Beine und sie nutzen Fahrrad, Roller, Auto, S-Bahn und Flugzeuge, um zu reisen.

In Zeiten von Corona, in denen persönliche Begegnungen in großen Gruppen nicht möglich sind, ist alles etwas komplizierter. Unsere Kommunikationswege werden vor neue Herausforderungen gestellt. Im Projekt Urbane Botanik – Die essbare Stadt arbeiten 14 Schulen ieigenen Teilprojekten. Wie kann der Austausch zwischen den in unterschiedlichen Bezirken lebenden Schüler*innein dieser Situation gestaltet werden? Wie können ästhetische Erfahrungen miteinander geteilt werden, wenn der persönliche Kontakt nicht gelebt werden kann?

5 Schulen lernen von den Pflanzen. Die Schüler*innen schicken in den Sommmerferien keine Fallschirme oder Rotorblätter, aber sie schicken Kartons auf Reisen. Mit Materialien, Fragen und Aufgaben für eigene botanische Entdeckungsreisen, die sie gemeinsam mit Künstler*innen entwickeln und in andere Schulen schicken. So zirkulieren per Karton künstlerische Impulse rund um die Urbane Botanik von einer Schule zur anderen. Mit dabei sind aus Kreuzberg die Fichtelgebirge- und die Rosa-Parks-Schule, aus Mitte die Heinrich-von-Stephan- und die Hansa-Schule und aus Charlottenburg die Nehring-Schule. Was aus all dem geworden ist, was die Schüler*innen und Künstler*innen erfunden haben und wie es den Kartons ergangen ist? Das erzählen wir demnächst hier an dieser Stelle.

Projektdetails:

Einblicke in die Praxis

Nehring tanzt!

Ein Film mit Lehrer*innen der Nehring-Grundschule und TanzZeit e.V.

Die Nehring-Grundschule ist seit 2016 Teil des Kulturagenten-Programms – zunehmend arbeitet sie mit alternativen Unterrichts-Methoden, um den Schüler*innen alternative Lernzugänge anzubieten: Tanz, Theater, Musik, Raumgestaltung und Museen als Lernorte gehen dabei über das rein kognitive Lernen hinaus.

Der Verein TanzZeit ist ein wichtiger Partner der Schule. Pro Schuljahr begleiten die Tanzvermittler*innen mindestens drei Klassen über den Zeitraum eines Halbjahres in einem der Kernfächer. Startpunkt der Zusammenarbeit war das Projekt „Tanz mir die Eins“ im Jahr 2017, dieses wurde inzwischen mit den verschiedensten Themen fortgesetzt – wobei Inhalte der Fächer Deutsch, Mathematik und Sachkunde tänzerisch erforscht werden, die Kinder aber auch zum sozialen Miteinander in Resonanz gehen.

Die Schule ist der Überzeugung: „Der zeitgenössische Tanz bietet Raum, die verschiedenen Lebensrealitäten der Schüler*innen in ihren sozialen und politischen Bezügen differenziert zu thematisieren und künstlerisch zu gestalten. Zudem ermöglicht der ganzheitliche Ansatz des zeitgenössischen Tanzes, die Welt „mit allen Sinnen“ wahrzunehmen. Dadurch werden gesellschaftlich relevante Begriffe und Themen für die Schüler*innen weit über das verstandesmäßige Wissen hinaus erlebbar. Darüber hinaus fördert er ihre Fähigkeit, sich SELBST und dem GEGENÜBER mit Empathie zu begegnen.“

Was erfahren unsere Schüler*innen in der Zusammenarbeit mit den Tänzer*innen? Eine Gruppe von sieben Pädagog*innen und einer Choreografin begaben sich in einen Selbstversuch des Rollentauschs. Eine Regisseurin und Kinder der Schule beobachteten das Tanz-Projekt der Erwachsenen mit der  und hörten ihnen bei den eigenen Beobachtungen zu.

Klicken Sie hier, um sich das Video anzuschauen.

Lehrer*innen: Daniela Bösing, Katharina Getschmann, Karo Streck, Katrin Drescher, Nicole Jezewski, Sabine Raasch, René Bartels

Chroreografin: An Boekmann

Dokumentation und Schnitt: Anja Scheffer und Kinder der Nehring-Grundschule

Was und wie können wir von Pflanzen lernen?

Einblicke in die Praxis

Urbane Botanik

Was ist Urbane Botanik? Seit dem Sommer 2018 bearbeiten Kinder und Jugendliche gemeinsam mit Künstler*innen und Kulturpartner*innen diese Frage mit künstlerischen Strategien. In den inzwischen über 30 Teilprojekten an mehr als 18 Schulen und Kitas sind eine Menge an Themen und künstlerischen Positionen zusammengekommen.

Wie lässt sich Umweltgerechtigkeit mit künstlerischen Praktiken verbinden? Wie kann im lokalen Mikrokosmos – dem Schulhof, dem Schulgarten, aber auch draußen auf der Straße – künstlerisch interveniert werden? Von Anfang an standen die historischen, gesellschaftspolitischen und ethischen Zusammenhänge zwischen den urbanen Lebensräumen von Pflanzen und Menschen im Zentrum. Von Pflanzen, die Räume besetzen, die dafür eigentlich nicht vorgesehen sind, bishin zur Permakultur als einem nachhaltigen Kreislauf im Miteinander von Lebewesen, die sich gegenseitig nähren und schützen: Darum, was und wie wir von und mit Pflanzen lernen können, kreisen viele der Teilprojekte.

Die Urbane Botanik ist eine Initiative des Kulturagentenprogramms. Die Kulturagent*innen entwickeln gemeinsam mit den vielfältigen Partner*innen die Konzepte, koordinieren und leiten den Austausch und die Vernetzung und begleiten die Realisierung der einzelnen Teilprojekte. Begonnen hat es im Jahr 2018/19 mit dem Projekt „Urbane Botanik I: Wolfsmilch Geigenfeige Cyborgbaum“ – einer utopisch-poetischen Annäherung an die Frage: Was ist Urbane Botanik?

Im zweiten Jahr, 2019/20, wurde es mit „Urbane Botanik II: Die essbare Stadt“ deutlich konkreter: Samenbildung, Setzlinge, Pflanzungen, Rhizome, Kompostierung, Ernte und Vorratshaltung sind zum Sujet und Mittel künstlerischer Forschung geworden. Im dritten Jahr 2020/21 widmen sich Schüler*innen, Künstler*innen und Kooperationspartner*innen im Projekt „Urbane Botanik III: Räume des Gemeinschaffens“ nun einem ethischen Bündnis zwischen Menschen und Pflanzen. Mit künstlerischen Strategien wollen wir uns auf verschiedenste Weise an Aushandlungsprozessen beteiligen und nach Wegen suchen, wie sich Umweltgerechtigkeit mit Fragen der Partizipation und einem sozial-ökonomischen Stadtumbau zusammen denken lässt.